Warum Komplexität der größte Feind von erfolgreichen Systemen ist
Komplexität ist unvermeidbar. Unübersichtlichkeit nicht.
Viele Systeme scheitern nicht an äußeren Einflüssen, sondern an schleichend gewachsener Überladung. Dieser Beitrag zeigt, warum Menschen Komplexität systematisch unterschätzen – und wie ich als Manager Systeme bewusst vereinfachen.
Vielleicht muss ich einmal relativieren: Komplexität alleine ist nicht das Problem. Es ist, wie wir Menschen mit komplexen Systemen umgehen.
Kein luftleerer Raum: darum sind Systeme komplex
Wären Systeme hermetisch abgeriegelt und hätten keine Wechselwirkung mit anderen Systemen - dann wären Systeme tatsächlich auf ihre eigene, interene Komplexität beschränkt. Nun ist aber schon unser eigener Planet ein nicht beherrschbares und größtenteils nicht vorhersehbares System, auf das Individuen nur begrenzt einwirken können. Der beschreibende Fachbegriff für ein solches System lautet VUCA - ein Akronym aus Volatility, Uncertainity, Complexity und Ambiguity. VUCA drückt also aus, dass ein System durch eine hohe Dynamik, Unsicherheit, Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit geprägt ist.
VUCA
Ein System ist volatil, wenn es durch sich kurzfristig (stark) ändernde Einflussgrößen oder Rahmenbedingungen beeinflusst werden kann. Für stabil gehaltene Zustände können durch die richtigen Auslöser erstaunlich schnell kippen.
Ein System ist unsicher, wenn Ursache-Wirkungs-Ketten (zukünftige Zustände) nicht zuverläßig prognostiziert werden können.
Ein System wird komplex, wenn es eine Vielzahl an Elementen mit nichtlinearen Wechselwirkungen untereinander beinhaltet.
Ein System ist mehrdeutig, wenn Informationen, Signale oder Zustände eines Systems unterschiedlich interpretiert werden können. Es gibt - besonders in Systemen, in denen Menschen mitwirken - keine absolute Objektivität.
Wir sorgen für Komplexität und verstehen sie kaum
Menschen können realistisch nur etwa vier oder fünf Informationseinheiten gleichzeitig aktiv berücksichtigen. Forschungen von Miller (1956) und Cowan (2001) zeigen eindrücklich, dass die Fehlerquote bei höheren Informationseinheiten signifikant ansteigt. Studien zu "complex problem solving" zeigen darüber hinaus, dass zeitverzögerte Wirkungen häufig zu falschen Reaktionen führen, weil wir Menschen dazu tendieren zu früh oder zu stark zu reagieren. Außerdem tendieren wir dazu, eine Ursache-Wirkungs-Kette zu sehen, obwohl es sich dabei eigentlich um einen zirkulären Prozess handelt oder wir lassen exponentielle Entwicklungen außer Acht. Wenn sich dann noch dynamische Variablen dazugesellen, ist eine Vorhersehbarkeit für uns Menschen wohl gar nicht mehr möglich.
Praxisbeispiel: Gewachsene Komplexität
Die Systeme, mit denen wir im Alltag konfrontiert sind, haben wohl nie einen so großen Maßstab wie "Planet Erde". Uns begegnen eher gesellschaftliche Bewegungen und Kulturen, Unternehmensstrukturen oder Software. Und selbst die Möglichkeiten eines kleinen Teil-Systems (wie in einem Onlineshop) übersteigen unsere kognitive Leistungsfähigkeit häufig genug. Konkret zeigt ein aktuelles Projekt, wie Komplexität schleichend entsteht und irgendwann zu einem kritischen Zustand führt.
Bei einem meiner persönlichen Lieblingskunden existiert aktuell ein sehr komplexes System, das wir mit ihm jetzt gemeinsam vereinfachen. Ausgangslage war ein standardmäßiges Update seines Shops. Beim Prüfen stellten wir aber schnell fest, dass ein Kernbestandteil seiner B2B-Logik vom Hersteller ab der neusten Version nicht mehr weiter unterstützt wird. Das Update des Cores ist entsprechend erst möglich, wenn für diese B2B-Logik eine Alternative gefunden wurde. Die Herausforderung ist, dass in diesem historisch gewachsenen System unterschiedlichste Stakeholder über Jahre ihre Wünsche eingebracht haben und gewisse Regeln gar nicht mehr ersichtlich - vielleicht sogar outdated sind. Darum führen wir die im nächsten Abschnitt beschrieben Schritte durch.
In diesen drei Schritten entkompliziere ich Systeme
1. Radikale Priorisierung
Ich reduziere das System auf seinen Kernzweck. Dazu gehören eine klare Zieldefinition und daraus folgend das Eliminieren von nicht-zielführenden Funktionen und nicht-wertschöpfende Nebenlogiken. Je weniger Variablen existieren, desto weniger Zielkonflikte können existieren und desto weniger Koordinationsaufwand ergibt sich.
2. Starke Entkopplung
Ich trenne stark miteinander verwobene Elemente. Ich sorge für klare Verantowortlichkeiten, für Reduktionen von Schnittstellen (wenn möglich) und minimiere Abhängigkeiten auf Systeme, auf die ich gar keinen Einfluss habe. Das sorgt für lokale Fehler die es mir erlauben, Änderungen besser zu kalkulieren.
3. Systemvisualisierung
Ich mache Zusammenhänge durch Ursache-Wirkungs-Ketten, Entscheidungsregeln und Informationsflüsse deutlich für alle sichtbar. Durch diese Visualisierungen in Form von Diagrammen können Auswirkungen sehr viel deutlicher aufgezeigt werden.
Systeme kollabieren selten spektakulär - sie ersticken schleichend an ihrer eigenen Komplexität
Das eigentliche Problem im oben genannten Beispiel war nie nur die fehlende Unterstützung durch den Hersteller – sondern das unreflektierte Hinzufügen von Komplexität. Anstatt die alte Logik 1:1 nachzubauen, werden wir jetzt das System um alle operativ nicht mehr notwendigen Bestandteile reduzieren. Das Ergebnis ist nicht nur technische Updatefähigkeit, sondern ein System, das wieder steuerbar wird.
Komplexität verschwindet nicht einfach. Sie ist eine Eigenschaft unserer Welt. Das bedeutet für mich aber, nicht immer nur neue Lösungen zu addieren – sondern regelmäßig auch zu subtrahieren. Nicht jede gewachsene Logik verdient Bestandsschutz.
Systeme werden nicht besser, weil sie mehr können. Sondern weil sie klarer sind.
Mit uns Komplexität verringern
AI-Hinweis: Stellen des im Beitrag verwendeten Textes wurden in geringem Maße durch AI angereichert bzw. umformuliert. Bilder des Beitrags wurden durch AI generiert oder verändert.
Autor/in
Patrick Meyer Web Development (E-Commerce)
Patrick ist Projektmanager im E-Commerce und die treibende Kraft hinter maßgeschneiderten, digitalen Erfolgsgeschichten. Von Möbeln über Agrar bis hin zu italienischen Delikatessen: Patrick bringt Kunden wie C+P Möbelsysteme, Fehlig GmbH, Andronaco, SewSimple und BPC an ihr digitales Ziel. In seiner Arbeit hat er immer das perfekte Nutzererlebnis im Blick. Privat liebt er es, Grenzen auszutesten – ob beim Triathlon, auf Wandertouren mit Zelt und Rucksack oder beim Gaming-Abenteuer - immer dabei seine vierbeinigen Begleiter.